Dissoziative Identitätsstörung

von Dr. Ursula Gast

Fallbeschreibung

Zum dritten Mal wird die 28-jährige Karin B. in die psychiatrische Klinik eingeliefert. Abermals hat sie versucht, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Als die Stationsärztin sie befragt, kann die junge Frau gar nicht genau sagen, was eigentlich passiert ist. Es gab Streit mit ihrem Mann, aber was war dann? Die Ärztin lässt nicht locker: »Kommt es öfter vor, dass Sie sich an bestimmte Situationen nicht mehr erinnern können?« Karin ist verblüfft, dass sie jemand so direkt auf ein Problem anspricht, das sie bislang immer zu verbergen suchte: Tatsächlich hat sie häufi g das Gefühl, »Zeit zu verlieren«.

Um es vorwegzunehmen: Bei dieser Frau wurde später eine »Dissoziative Identitätsstörung« (auch Multiple Persönlichkeit genannt) diagnostiziert – jene psychische Erkrankung, die derzeit so kontrovers diskutiert und über die so viel Widersprüchliches berichtet wird. Existiert eine solche Krankheit überhaupt? Oder handelt es sich nur um ein hysterisches, amerikanisches Modephänomen? Haben die Betroffenen schwere Traumatisierungen erlebt oder sind sie Opfer verblendeter Therapeuten?

Nicht nur Laien, auch Fachleuten fällt es mitunter schwer, sich ein objektives Bild zu machen. Für die einen – etwa Frank Putman, Psychiater und langjähriger Forscher am National Institute of Mental Health (USA) – stellt die Dissoziative Identitätsstörung den »Dreh- und Angelpunkt des menschlichen Bewusstseins« dar. Viele Medien hingegen bezeichnen sie mit Berufung auf Gegner des Konzeptes als »Wahn der Therapeuten«.

Karins Mann scheint bemerkt zu haben, dass mit seiner Frau »irgendetwas nicht stimmt«. So wirft er ihr vor, sie habe sich wieder einmal »wie ein anderer Mensch« oder »wie ein Kind« benommen «. Bei diesen Diskussionen gerät Karin in Panik: Sie kann sich an die beschriebenen Szenen nicht erinnern – aber wie soll sie ihrem Mann das glaubhaft erklären? Vermutlich wäre er entsetzt, wenn er vom Ausmaß ihrer Gedächtnislücken erführe – dass sie sich zum Beispiel nicht einmal ihre Hochzeit oder die Geburt ihrer Tochter ins Gedächtnis rufen kann! Und Karin hat bereits an sich selbst untrügliche Anzeichen dafür beobachtet, dass ihr Stücke der Vergangenheit fehlen: Wiederholt entdeckt sie am Unterarm runde Brandwunden. Konnte sie sich denn unbemerkt mit einer Zigarette verbrannt haben?

Obwohl Karin bereits mehrfach wegen Depressionen und lebensmüder Gedanken im psychiatrischen Krankenhaus war, hatte sie bisher nicht gewagt, über alle Symptome zu sprechen. Insbesondere fürchtete sie sich davor, für unzurechnungsfähig oder verrückt gehalten zu werden.

Diesmal nehmen die psychotherapeutischen Gespräche jedoch einen anderen Verlauf: Die Ärztin fragt ausführlich und gezielt nach verschiedenen Symptomen, sodass Karin ihre Ängste schließlich offen ausspricht. In letzter Zeit war ihr quälend bewusst geworden, wie kalt sie sich innerlich fühlte. Als ihre kleine Tochter bei den ersten Gehversuchen stolperte und sich wehtat, spürte sie überhaupt kein Mitleid, kein Bedauern. Stattdessen Gleichgültigkeit und automatische Reaktionen wie ein Roboter. Gab es vielleicht sogar Momente, in denen sie ihrem Kind etwas antat?

Aber noch etwas anderes beunruhigt Karin: Von Zeit zu Zeit hat sie den vagen Eindruck, dass es noch »andere« in ihr gibt, die sie manchmal als schattenhafte Bilder wahrnimmt. Außerdem hört sie immer wieder Stimmen in ihrem Kopf – die der kleinen, furchtsamen Kati und die eines zornigen, aufbrausenden Kai. Die beiden scheinen sich zu unterhalten, was Karin meist tröstet, manchmal aber auch ängstigt. Zudem hatte sie sich offenbar mehrfach unter einem anderen Namen vorgestellt, was zu peinlichen Konfrontationen führte. Gemäß ihrer bisherigen Lebensstrategie »Augen zu und durch« hatte Karin versucht, nicht darüber nachzudenken.

Doch nun hat ihr Mann mit Trennung gedroht, sollte sie weiterhin ihre Probleme ignorieren. Die Ärztin teilt Karin schließlich die Diagnose mit: Dissoziative Identitätsstörung. Diese Erkrankung, so erklärt sie der Patientin, könne man als eine Art Selbstheilungsversuch der Psyche auf belastende Lebensereignisse verstehen.

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